Das ist der Gipfel
Nationalparks gibt es in Australien so viele wie Kängurus. Vielleicht doch nicht ganz so viele, aber dafür sind Kängurus ja auch kleiner. Also kleiner als ein mittlerer Nationalpark auf jeden Fall. Vielleicht kann man das Kängurubild noch so retten: Stellt euch alle Kängurus Australiens auf einem grossen Platz vor. Dann müsste das ein verdammt grosser Platz sein. Und wenn ihr euch diesen Platz jetzt so vorstellt, wie er von da nach dort reicht und überall diese Kängurus, dann habt ihr - wenn ihr euch die Kängurus jetzt wieder wegdenkt - a) einen leeren Platz und b) eine gute Vorstellung davon, wieviel Fläche die Nationalparks in Australien einnehmen.
Wenn man mit dem Camper in Australien unterwegs ist, muss man sich schon sehr anstrengen, nicht in einen Nationalpark zu geraten. Denn die Strassen führen einfach mitten durch. Man merkt, dass man in einem Nationalpark ist, vor allem an drei Dingen: es gibt Schilder, auf denen steht Nationalpark XY, dann steht oft ein Häuschen an der Fahrbahn und man muss dem Menschen in dem Häuschen etwas geben, meist australische Dollar, und natürlich an den Kängurus. Jeder Nationalpark hat nämlich Picnictische, und jeder Picnictisch hat sein Stammkänguru. Das kommt dann angehoppelt und sieht mal nach, was es so zu essen gibt. Ich habe gelesen, die Plätze werden von italienisch stämmigen Känguru-Dons vergeben und die sorgen auch für die Sicherheit der dort arbeitenden Kängurus. In letzter Zeit soll es einige Konflikte mit Russland-Kängurus gegeben haben, die verstärkt im Raum um Sydney Picnictische für sich beanspruchen. Aber Genaues weiss man nicht, da in Kängurukreisen das Gesetz des geschlossenen Beutels gilt und deshalb nur wenig nach aussen dringt.
Wir waren in den vergangenen Tagen im Kosciuszko Nationalpark. Der liegt wirklich in Australien und nicht in Polen. Es war aber ein Pole, der auf die Idee kam, in dieser Gegend auf einen Berggipfel zu steigen, sich mal umzusehen und dem Berg den Namen irgendeines obskuren Landsmannes zu geben. Jetzt muss Australien damit leben, dass der höchste Berg des Landes einen völlig unaussprechlichen Namen hat.
Die Seilbahn, die einen dem Gipfel näher bringt, heisst Snowgums Chairlift. Das ist doch ein einfacher Name, den kann jeder sich merken. Warum heisst der Berg dann nicht so? Australien, das Land der tausend Fragen. Für nur 26 A-$ wird man auf einer Art Gartenbank gemächlich über die Hänge nach oben befördert. Aus irgendeinem Grund, vielleicht weil das Seil nicht gereicht hat, endet der Lift 6,5 Kilometer unterhalb des Gipfels. Den Rest des Weges muss man, wie der Volksmund so schön sagt, auf Schusters Rappen zurück legen. Wobei mein Rappen ein Schimmel war: meine zumindest noch stellenweise weissen Turnschuhe. Überhaupt stachen Gerda und ich aus den übrigen Gipfelstürmern ein wenig hervor. Keine Lands-End-Hochgebirgsjacke, kein 35 Liter Rucksack mit Wasser und Proviant für mehrere Wochen, kein Regenzeug ("Bedenken Sie bei Ihren Vorbereitungen, dass im Gebirge das Wetter schnell umschlagen kann!"), ja noch nicht einmal den in Australien von allen Reiseführern fest vorgeschriebenen Sonnenhut. Mit anderen Worten, wir waren perfekt ausgerüstet, um die ersten am Gipfel zu sein, weil wir nix zu schleppen hatten. Und so war es dann auch. Dankenswerterweise hatte aber die Parkverwaltung in den Jahren 1982 bis 1999 eine Art Freeway zum Gipfel gebaut, einen Steg aus eisernen Rosten, der mit Turnschuhen super gut zu gehen war, aber nichtsdestotrotz 6,5 Kilometer bergauf führte. Hat sich die Anstrengung gelohnt? Ja, dieser Blick, diese Luft, diese Genugtuung, es geschafft zu haben. Hätte es der Kauf einer Postkarte im Tal nicht auch getan? Äh, ja, eigentlich auch. Aber wie hätte man dann diesen Blog hier voll bekommen sollen?


2 Comments:
warum geht der mensch auf'n berg?
weil er da ist!
Hey, interessanter Artikel. Weiter so :)
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